Auf der Holocaust-Gedenkveranstaltung in Jerusalem trägt der deutsche Bundespräsident seine Rede in englischer Sprache vor.

Ist diese Sprachwahl eine Verbeugung vor den lebenden und toten Opfern?

Wohl kaum, da viele der Opfer deutsche Juden waren, die ihren Goethe, ihren Heine und viele andere verehrt und geschätzt haben.

Ist sie eine Höflichkeit gegenüber den vielen Repräsentanten aus allen Ländern der Welt?

Die Übersetzung ist auf solchen Konferenzen garantiert. Der Vortrag in eigener Sprache freigestellt, wenn nicht Normalität.

Ist sie eine Abstandnahme von Deutschland und der deutschen Sprache?

Warum eine solche Verleugnung der eigenen Sprache, wenn sie nicht ausschließlich die Sprache und der Ausdruck des Denkens von Juden-Mördern und von allen am Judenmord Beteiligten ist?

Können die neuen Generationen der Deutschen noch mit dem Bild des potentiellen Judenvernichters begriffen und verstanden werden?

Gibt die deutsche Sprache nur die eine Möglichkeit, mörderische Wege des Antisemitismus zu formulieren?

Die neue Generation trägt keine persönliche Schuld, aber lebt mit dem Holocaust als immerwährende Herausforderung und Verpflichtung, sich für die Juden in Israel und in aller Welt einzusetzen!

Wenn Steinmeier die Schuld betont und die bewusst gewählte Verpflichtung der neuen Generationen nicht stärker gewichtet, dann übersieht er das Entscheidende.

Neue Generationen haben auch neue Chancen, über tiefe Abgründe hinweg ein Zusammenleben zu ermöglichen und die Wunden der Geschichte durch angemessenes Verhalten und Denken zu heilen.

Überzeugend ist dabei nicht die Rede in fremder Sprache, sondern das Sprechen in der eigenen, von der LTI – Sprache des Dritten Reiches – purgierten und befreiten Sprache. Das gilt für den Repräsentanten Deutschlands in besonders hohem Maße.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und die daraus gewonnenen neuen Perspektiven werden durch die Fähigkeit der eigenen Sprache, sie auch emotional auszudrücken, zugleich bewahrheitet.

Wenn einer einen Text vorliest, der von jemand anderem in einer anderen Sprache vorgefertigt ist, verliert der Sprecher den so wichtigen emotionalen Bezug zum Text und wirkt kaum überzeugend. Das gilt für den Selbstbezug genauso wie für das Publikum.

Skepsis und Misstrauen breiten sich im Auditorium und anderswo aus.