Mein ganzes Berufsleben war ich im psychiatrischen Bereich tätig. Ich durfte am damaligen Modellprogramm Psychiatrie der Bundesrepublik mitwirken, konnte am Aufbau und Ausbau einer kommunalen Versorgung teilnehmen, war an der psychiatrischen Selbsthilfe und Angehörigenarbeit beteiligt und habe für eine Großstadt ein ganzes Versorgungsnetz aufgebaut und lebendig gehalten. Voraussetzung dafür war die Fähigkeit zur Zusammenarbeit mit allen beteiligten Berufsgruppen, den politischen Verantwortlichen aller Ebenen und mit den Betroffenen selbst. Aber: Ich war kein Arzt und stand der Psychiatrie anfänglich nicht nah. Als Soziologe brachte ich die Fähigkeit mit, die Komplexität der Versorgung zu verstehen, zu beobachten und auf der Grundlage gemeinsamer Überlegungen und Entscheidungen zu verändern. Selbstverständlich war ich dabei in die Hierarchie einer kommunalen Verwaltung- speziell des ÖGD- eingebunden. Aus diesen Gründen bin ich überrascht, was meiner Frau und mir mit der Psychiatrie im Sonnenhaus in Schleswig noch heute widerfahren konnte:

Meine Frau hat eine psychische Erkrankung, die man bi-polare Störung nennt. Phasen der Depression wechseln mit Phasen der Manie ab, manchmal geschieht der Wechsel schnell und unvorhersehbar. Wenn meine Frau die Medikamente einnimmt und keine Fehler macht, kann es sehr lange Zeit, ja ein ganzes oder zwei Jahre so sein, als wäre man gesund, und wir leben dann in täglicher einträchtiger Zwietracht oder zwieträchtiger Eintracht- eine normale Familie. Auch unserem Hund geht es dann sehr gut.

Allerdings lauert immer die Gefahr des Entgleisens, das heißt zum Beispiel, ein oder zwei Schlückchen Alkohol zu trinken. Dann geht die Normalität des Daseins flöten, und die Auseinandersetzungen nehmen an impulsiver Lebendigkeit und stets verbaler Schärfe zu. Aber auch daran kann man sich gewöhnen. Über dreißig Jahre haben wir unser Verhalten jetzt eingeübt und bewältigen können. Meine Frau hat jedoch ihre Praxis als Ärztin nach über zwei Jahrzehnten nicht mehr ausüben können.

Viele Ärzte haben meine Frau bei ihrer Krankheit begleitet und in der Arbeit unterschiedliche Akzente gesetzt, ohne dass die Medikation entscheidend geändert worden wäre. Quetiapin heißt die Losung!

Doch entscheidend ist das Miteinander im Alltag- in guten wie in schlechten Zeiten- das Verständnis und die Zuneigung, die man immer füreinander haben sollte. Hier liegen die Quellen der Gesundung und des Lebens mit solcher Erkrankung. Die Familie ist die stets fließende Quelle des Lebens mit einer solchen Erkrankung. Die Familien-Mitglieder -von den Kindern über den Mann bis zum Hund- sind die Lebenselixiere.

Als wir aus dem Ruhrgebiet nach Schleswig- Holstein zogen, haben wir die dortige Psychiatrie aufsuchen müssen. Hier gab man uns den Hinweis auf einen ehemaligen dort tätig gewesenen Psychiater, der nach der Pensionierung weiterhin praktizieren würde.

Zu diesem Arzt ging meine Frau in den nächsten Jahren und wurde von ihm begleitet. Es gab keine Probleme. Mir fiel nur auf, dass die Konzentration des Psychiaters einseitig bei der Patientin lag. Die Mitarbeit oder der Einbezug ihres Mannes fanden therapeutisch nicht statt. Dennoch lief die Behandlung über die Jahre gut und meine Frau war mit ihrem Psychiater durchweg zufrieden. Never change a winning team!

Wenn der Arzt es für notwendig hielt, meine Frau ins Sonnenkrankenhaus zu schicken, fügte sie sich mit meinem Einverständnis und blieb solange dort, bis die Krise vorbei war. Kein Zwang, keine Bevormundung, keine Gefahr für sich und andere – der Ratschlag und das Vertrauen waren die ausschlaggebenden Komponenten.

Nachdem ich vor ein paar Wochen wieder einmal meine Frau zu ihrem Arzt gebracht hatte, geschah es dann: Der Arzt informierte mich kurz am Telefon, dass er meine Frau für ein paar Tage einweisen müsste. Ich widersprach nicht, denn auch ich hatte einen Verhaltens- und Stimmungswechsel bei meiner Frau festgestellt. Meinen Hinweis auf die Corona-Gefährdung im Krankenhaus ließ er nicht gelten. Okay!

Mir kam es nur komisch vor, dass der Arzt mich nicht in seine Praxis zu einem Gespräch kommen ließ, obwohl er wusste, dass ich vor seinem Haus im Auto saß und sein Telefonat entgegennahm. Na ja- mit der Angehörigenarbeit hatte er es wohl nicht so! Gelernt ist gelernt, ist verewigt.

Mir kommt dann immer das Buch eines Gurus der Psychiatrie in Erinnerung. Dörner sah eine Zeitlang in der Familie eine dominante Quelle vieler psychiatrischen Erkrankungen! Es war damals eine Bibel der fortschrittlichen Psychiatrie!

Der Leser wird es kaum glauben, wie es mit dem Krankenhausaufenthalt meiner Frau weiterging!

Schon am ersten Tag wurde sie- obwohl aus freien Stücken in den Sonnenstaat gekommen- einem Regime der Aufsicht und Bevormundung unterstellt. Ihr persönliches Habe wurde ihr weggenommen: Keine Bleistifte, keine Kolleg-Blocks, kein Handy, kein Hygieneartikel, Kontaktbeschränkung auf zwei getaktete Telefonate. Da jeder Besuch ohnehin wegen der Corona-Maßnahmen verboten war, waren wir auf insgesamt 20 Minuten Telefongespräch festgelegt – 10 Minuten morgens und 10 Minuten abends.

Der Höhepunkt bestand in der nachträglichen Ausstellung einer richterlichen Zwangseinweisung, die man in der Regel nur ausstellen darf, wenn der Betroffen für sich und andere in hohem Maße gefährlich ist.

Wie ich selbst an der Eingangstür zur Abteilung, in der meine Frau untergebracht war, als Bittsteller und Störenfried behandelt wurde, übergehe ich hier. Freundlichkeit und Zuvorkommen wurden sicherlich durch den Corona-Stress verhindert!

Meine Reaktion auf diese Situation meiner Frau bestand darin, mich an die Verantwortlichen zu wenden:

Mein Schreiben an den ambulant behandelnden Psychiater:

Meiner Frau geht es nicht gut. Daher meine Bitte, ob Sie sich klärend und ausgleichend einsetzen können. Meine Frau berichtet, stellt fest und beklagt. Ist etwas aus dem Ruder gelaufen? Hier die Punkte:

1) Meine Frau ist freiwillig in die Psychiatrie gegangen.

2) Nach Aussage meiner Frau ist sie ohne eine anwaltliche Beteiligung einem Richter vorgeführt worden. Auch ich wurde als Ehemann über die “Visitation” nicht in Kenntnis gesetzt.

3) Erhebliche Einschränkungen der persönlichen Freiheit wurden vorgenommen.

4) Des weiteren gibt es mehrmals Verlegungen und Sperren der Verfügung über das persönliche Habe.

Ich hoffe, dass Sie eine für alle Seiten befriedigende Klärung herbeiführen können. Nicht für jedermann ist die Klinik ein geeigneter Ort der Regeneration und fortschreitender Genesung. So lange wie nötig, so kurz wie möglich. Aber das wissen Sie ja selbst besser als ich!

Mein Schreiben an die Führungsetage:

Meine Frau wurde vor einigen Tagen in Ihre Psychiatrie aufgenommen. Diese Entscheidung hat meine Frau freiwillig und ohne jeden Zwang auf Anraten ihres Psychiaters getroffen. Die Arbeit des Psychiaters achte ich sehr.

Nun stellt sich nach den Aussagen meiner Frau die Situation in der Klinik wie folgt dar:

– Sie kann nicht frei über ihr persönliches Habe verfügen. Es soll erhebliche Erschwernisse in der Freiheitsausübung geben. Ihr eigenes Handy ist nicht frei verfügbar. Aber auch andere Utensilien wie Bleistifte oder Artikel der persönlichen Pflege wurden mir genannt.

– Sie wird von einer Station in eine andere verlegt, ohne dass ihr Gründe dafür mitgeteilt worden wären.

– Ein Amtsrichter nimmt Kontakt auf, ohne dass meiner Frau diese erweiterte “Visitation” angekündigt worden wäre- von den Gründen gar nicht zu reden.

– Außerdem klagte meine Frau über die hohe Dosierung, die sie aufgrund eines für einen Laien wie mich skandalösen Alkoholmissbrauchs erhalten habe.

Da ich weiß, wie sehr die Mitteilungen einer psychisch kranken Frau gefiltert und einseitig sein können, möchte ich Sie dennoch bitten, die Angelegenheit mit der notwendigen Aufmerksamkeit zu behandeln.

Mir liegt nichts daran, Sachverhalte aufzubauschen, die so oder anders oder gar nicht stattgefunden haben. Aber das Wohlbefinden und die Gesundung meiner Frau sind mir eine Herzensangelegenheit!

Mein Schreiben an die ärztliche Leitung:

Als Chef der klinischen Psychiatrie möchte ich Sie bitten, mich als den Ehemann von Frau Veit- Brandenburg stärker in die psychiatrischen Bemühungen Ihres Hauses einzubeziehen, insbesondere wenn sie auf grundsätzliche Änderungen zielen.

Ich höre von meiner Frau, dass Sie dem Amtsrichter morgen vorgeführt werden soll, obwohl meine Frau freiwillig und mit meiner Zustimmung in Ihre Obhut ging. Auch wurde ich darüber von Ihrem Hause nicht informiert, obgleich ich die entsprechende Vorsorgevollmacht besitze und/oder meine Frau einen anwaltlichen Anspruch auf Hilfe besitzt.

Warum in aller Welt gilt der Ehemann nicht als Hilfe, sondern als potentielle Störungsquelle? Wir waren in der Psychiatrie schon weiter!

Sollten wichtige und entscheidende Beschlüsse in Erwägung gezogen werden, bitte ich Sie, den Termin so zu verlegen, dass ich und/oder ein Anwalt daran teilnehmen können.

Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich mit einem Fachanwalt Kontakt aufgenommen habe und gewillt bin, die Rechte meiner Frau und auch meine wahrzunehmen. Ein erstes Gespräch mit dem Anwalt ist für den 9. März angesetzt.

Warum sollten eigentlich die offensichtlich vorhandenen Konflikte nicht einvernehmlich geklärt werden können? Ich setze noch auf die Vernunft und bin für ein klärendes und sachliches Gespräch bereit.

Antwort der ärztlichen Leitung:

haben Sie vielen Dank für Ihr Schreiben. Es tut mir leid, dass Sie sich in dieser für alle sehr schwierigen Situation nicht ausreichend in die Therapie Ihrer Frau mit einbezogen fühlen.

Bei den von Ihnen angesprochenen Schritten geht es allerdings um die Festlegung der rechtlichen Rahmenbedingungen, unter denen die Therapie stattfindet. Dabei sind heutzutage zum Glück die zuständigen Gerichte mit einzubeziehen.

Es steht Ihnen in dieser Situation selbstverständlich frei, sich eines rechtlichen Beistandes zu bedienen. Der Termin der richterlichen Anhörung (nicht einer Vorführung) wird vom Gericht festgelegt nicht von uns, daher können wir keine Verlegung veranlassen, zudem sind hier zeitliche Fristen zu beachten (auch das ein Fortschritt in der rechtlichen Situation psychisch kranker Menschen).

Aus meiner Sicht besteht momentan kein Konflikt. Sollten Sie mit dem Therapieverlauf (der nun auch durch die Schwere des Störungsbildes Ihrer Frau beeinflusst wird) nicht zufrieden sein, so steht es Ihnen natürlich auch frei, ggf. eine Therapie in einem anderen Haus in Betracht zu ziehen.

Stand der Dinge

Als Angehöriger bin ich überhaupt nicht in die Therapie meiner Frau einbezogen worden. Das ist ein schwerwiegender psychiatrischer Kunstfehler.

Mit meinen Gefühlen hat das gar nichts zu tun, wie die ärztliche Leitung unterstellt. Auch steht meiner Frau unter Zwangseinweisung ein Therapiewechsel in eine andere Institution nicht frei. Hier betritt der leitende Arzt die Schwelle des Zynikers.

Ein beauftragter Rechtsanwalt beantragt die Einsicht der Gutachten, die zur Zwangseinweisung geführt haben. Hier allein liegt die Basis der Diskussion.

Was hat das alles nun mit Corona zu tun? Die Corona-Zeiten machen sichtbar, was sonst nicht ohne weiteres sichtbar ist. Wie die Schminke manchen Pickel überdeckt, wie die Archäologie tiefere Schichten sichtbar macht, so bringt Corona zutage, welche Strukturen defizitär sind, welche Dimensionen vernachlässigt werden und was unbedingt verbessert werden muss: die Achtung vor den Rechten der Patienten und seiner Angehörigen sowie deren Information, Beratung und Aufklärung.

Kategorien: Corona-Zeiten