Die in Gemeinschaft lebenden Tiere und Menschen folgen ungeschriebenen Gesetzen. Diese werden von Philosophen, Verhaltensbiologen und Soziologen seit der Antike und besonders in der Zeit der Aufklärung bis heute als Gesellschaftsvertrag gefasst und wurden als evolutionäre Quellen von Ordnung und Unordnung verstanden.

Die Selbstregulation der Tiere und einfach, nicht hierarchisch organisierte menschliche Gesellschaften sorgen dafür, dass die Trickser, Betrüger, Schmarotzen und ähnliche „Spielverderber“ auf lange Sicht abserviert werden.

Das andere wichtige Merkmal dieser Gesellschaften sind die s. g. Leader, zu Deutsch „Führer“. Ein Leittier oder ein menschlicher Leader ohne „leadership skills“ führen seine Getreuen ins Jenseits. Findet z. B. eine Elephantenkuh, die der Herde vorsteht, nicht rechtzeitig eine Wasserquelle, helfen weder grün-bunte Freunde noch die Weltbank.

Ein in der ehemaligen UdSSR beliebter Spruch besagte: „Die, da oben, machen so, als ob sie uns bezahlen. Wir machen so, als ob wir arbeiten.“ So hat der Volksmund diesen der damaligen Zeit angepassten Gesellschaftsvertrag ausformuliert. Die sowjetische Elefantenkuh konnte ruhig umherirren: Die staatseigenen Quellen waren überall und unerschöpflich. Und trotzdem ging das Monstrum unter. Nicht anders erging es der DDR, die diesen Vertrag auch nicht anders auslegte und auslebte.

In der Demokratie westlichen Musters sei es selbstverständlich ganz anders, so die moderne Politologie. „Dem deutschen Volk“ lautet die 16 Meter breite Inschrift über dem Westportal des Reichstagsgebäudes in Berlin. „Noch nie ging es den Menschen in Deutschland so gut“, so die Kanzlerin. „Uns und unserem Klientel“ wäre die richtige Inschrift: Noch nie in der gesamtdeutschen Geschichte wurde die Nomenklatura so gut versorgt wie heute. Das Jahresgehalt des Intendanten des WDR beträgt 379.000 Euro für 2017 , allerdings ohne den Nebenverdienst. Ob der legendäre Goebbels seine Mitarbeiter genauso so gut versorgt hat?

Ein der giftigsten Witze der Sowjetzeit fußte darauf, dass ein und dasselbe russische Wort zwei Bedeutungen hat. ХЛОПОК (Substantiv) steht für Baumwolle, deren Produktion eine der führenden Industriezweige in der UdSSR war. ХЛОПАТЬ (Verb) heißt klatschen, z. B. einen Redner oder die Ergebnisse einer Wahl einer großen Frau beklatschen, wie es z. B. bei M. oder nach der Wahl der AKK geschah. So beantwortet man in diesem Witz die Frage nach der mächtigsten Industrie: ХЛОПАТЬ d. h. KLATSCHEN.

Auch bei uns wird viel geklatscht. Wenn die AKK gewählt wird, wenn die eingeladenen oder eingeschleusten neuen Bürger den Zügen entsteigen, wenn die Kanzlerin und deren Finanz- und Entwicklungshilfe-Minister in die Linienmaschine einsteigen, während die Staatsflugzeuge auf die Reparaturen warten und kein Ersatz verfügbar ist. Geklatscht wird immer und viel, auch wenn sich mein Zug verspätet oder gar nicht anhält oder sich mein Handy in einem Funkloch taubstumm anstellt oder woanders. Noch nie in der deutschen Nach-Kriegsgeschichte waren die Steuern so hoch, die Infrastruktur, die Forschung, die Finanzen, die Bildung, die Digitalisierung, die Sicherheit so suboptimal wie heute. Und trotzdem klatschen wir dem Staat Beifall, als ob er für uns sorgen würde. Und wer nicht klatscht? Klar, der ist Nazi.

Unser Staat tut so, als ob er sich um uns kümmern würde. Wir tun so, als ob wir uns für den Staat einsetzen würden. Der Vertrag beider Seiten besteht im Kern aus einem Als-Ob.

Die Parteien-Funktionäre betreiben – abseits von einer dem Volk dienenden und seinem Schutz verpflichteten Politik – eine Politik fremder Interessen, der allgemeinen Wehrlosigkeit und des Eigen-Interesses. Das Volk wird deshalb mit allen Mitteln der Propaganda im Zustand seiner politischen Unbedarftheit und im Dunkel des Unwissens gelassen- der Grund für die Politik des Als-ob.

Wenn aber die Grundlage des Denkens und Handelns der Politiker auf Schein und Täuschung beruht, treten im Staat und bei seinen Funktionären Korruption, Lüge, Täuschung, Betrug, Augenwischerei in den Vordergrund und dringen in alle Poren des staatlichen Lebens ein. Die Vergiftung der politischen Moral nimmt zu.

So wird wie selbstverständlich von Demokratie geredet. Dabei muss die turnusmäßige Wahl für die demokratische Legitimation ausreichen. Innere Parteiendemokratie gibt es erst gar nicht. Offene Gespräche und Diskussionen werden durch Formen politischer Korrektheit unterdrückt.

Die den Bürgern von den Politikern versprochene Sorge geht über den Grenzfluss und kümmert sich vor allem um die eingeschleusten Neubürger.

Propaganda, Lügen und Täuschungen sind Leitlinien der Politik. Berichte, Ereignisse, Finanzlage, Mord und Totschlag- alles wird passend gemacht und mehr oder weniger zur Indoktrination verarbeitet oder einfach verschwiegen.

Unter den schon länger hier Lebenden schwindet bei solchen Zuständen auch die für das Funktionieren der Gesellschaft unerlässliche innere Haltung sowie jedes Vertrauen in die öffentlichen Institutionen und die Politik. Überall breitet sich Misstrauen und Fehlverhalten aus. In deren Folge gehen Arbeitswille und Arbeitsfreude sowie Qualität der Arbeit auf allen Ebenen zurück und die allgemeine Produktivität sinkt.

Wirtschaft, Wissenschaft, Technik, Kultur, Kunst und Politik und Verwaltung bewegen sich seit einiger Zeit in Richtung immer neuer Tiefstände. Diese Entwicklung kann lange dauern, kann aber auch schnell gehen. Doch die Bestände Deutschlands sind relativ groß, so dass ihr Abbau noch ein wenig dauern dürfte.

Die Menschen schauen dieser Entwicklung zu und schweigen zumeist, die wenigsten opponieren. In einer fragilen, in menschliche Atome zersplitterten und unzählige Gruppen und Minderheiten fragmentierten Gesellschaft wird das Denken und Handeln in Mustern der Gemeinsamkeit immer schwieriger.

Auf beiden Seiten der Als-ob- Vertragspartner gibt es also Anzeichen des Wechsels, indem Produktivität und Verantwortung und Moral auf ihren Schwund hinstreben und bald ihre Nullpunkte erreichen werden.

Die Als-ob-Haltung hat schon in der UdSSR und in der DDR zum Desaster geführt: Beide Staaten gibt es nicht mehr und sind gänzlich verschwunden. Die Politiker waren nicht mehr zur Steuerung und Führung des Landes fähig. Die Genossen haben ihre Produktivität zurückgehalten.

Bürger und Staat sind objektiv miteinander verfeindet, wobei der eine denkt, dass er ein wenig länger als der andere überleben wird. Das Staatsschiff sinkt, die Kapitäne und Offiziere glauben, sie könnten sich selbst ans neue Gestade retten und die Mannschaften hätten ohnehin keine Chance.

Worin bestehen die Perspektiven? Der Gesellschaftsvertrag muss vom Als-ob-Modus abgeschaltet und auf geltendes Recht gestellt werden.

Die Bürger indes können sich einfach nicht vorstellen, dass sie in einem Ausmaß hinters Licht geführt werden wie zu Zeiten der UdSSR und der DDR, aber auch wie zu den besten NS-Zeiten. Dieser Mangel an Vorstellungskraft und Fähigkeit zur Analyse, gepaart mit einer hedonistischen Einstellung, mit Konsum-Verhalten und Medien-Gläubigkeit, verursacht das allseits verbreitete Als-ob im Alltagsdenken.

Wird es gelingen, diese Mauer zu durchbrechen und zur Realität vorzustoßen? Alternativ ist der Verlust unserer Lebensweise, unserer Wohlfahrt, unserer Sicherheit und unserer Kultur programmiert.

 
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