Es ist noch keine Ewigkeit her, da wurde ich als Mitglied der AfD eingeladen, an einer Corona bedingten Videokonferenz teilzunehmen: Zuhause vor meinem Laptop sitzend, das kleine Kamera-Auge fest im Blick, wartete ich auf die Eröffnung der Aussprache zwischen den 30-40 Teilnehmern.

Zwei wichtige Herren und ein Diskussionsleiter wollten mit dem Fußvolk der Partei insbesondere über die Beziehung der Schleswig-Holsteinischen AfD zur Bundespartei sprechen und die wohl nicht ganz zufriedenstellende Sachlage kollegial erörtern. Das Klima zwischen der AfD-Schleswig-Holstein und dem Bundesvorstand sollte verbessert werden. Wie heißt es so schön, nicht verschlossen und übereinander, sondern offen und miteinander sollte gesprochen werden.

Der Diskussionsleiter hatte die Aufgabe, die offene Diskussion nicht allzu offen geraten zu lassen. Er wusste, wann die Offenheit in die falsche Richtung lief und Gegensteuern angesagt war. Man muss ja nicht gleich jeden Missstand an die große Glocke hängen. Hauptsache: Man hat überhaupt gesprochen! Ein solch fähiger Leiter und blitzgescheiter Steuermann war schnell gefunden und übernahm den Schutz der zwei Großkopferten vor unberechtigter oder überzogener Kritik- ein Polizist der Gedanken.

2 Minuten standen den einfachen Teilnehmern für Wortmeldungen zur Verfügung, dann konnten sich jeweils die beiden Spitzenkräfte zu dem Gesagten äußern. Damit waren die Diskussionsanteile „fair“ verteilt: Auf eine zweiminütige Rede des Parteisoldaten folgten unmittelbar vierminütige Ausführungen der Spitzenvertreter.

Nach drei einfachen Beiträgen gab es 6 Minuten Redezeit für die Normalos und 12 Minuten für die Spitzenkräfte.

Nehmen wir an, es hätte 20 Wortmeldungen einfacher Mitglieder gegeben, so wären 40 Minuten auf die einfachen Parteimitglieder gefallen und 80 Minuten auf die zwei Partei-Funktionäre.

Meine Ausführungen sollen nur skizzieren, wie feinfühlig, demokratisch und zielorientiert die Veranstaltung geplant war. Ängste vor unsinnigen und überflüssigen Diskussionen brauchte wirklich keiner zu haben!

Gleichwohl lag gerade in dieser Planung ein Höchstmaß an Vernunft: Ging es doch in der Sache bei dieser Simulation einer Konferenz nicht darum, kritische Meinungen und Stimmungen der Mitglieder zu erfahren und auf dieser Grundlage auch sich selbst und seine eigene Position zu hinterfragen oder den Bundesorganen darüber zu berichten bzw. die Leviten zu lesen, sondern vielmehr ging es darum, keinen Zweifel an der Richtigkeit der Bundes-und Landespolitik aufkommen zu lassen und das „höhere Wissen“ dieser Instanzen den Mitgliedern als der Weisheit letzter Schluss zu präsentieren.

So oder ähnlich habe ich mir immer die Aussprachen in der DDR oder die Selbstkritik-Rituale in China vorgestellt, aber auch die kritischen Parteisitzungen unserer großen Führerin. Eine Alternative für Deutschland war das Ganze jedenfalls für mich nicht.

Nachdem ich mich für einen Redebeitrag gemeldet hatte, wurde mir das Wort erteilt: Ich ging unmittelbar auf die in der Meuthen-AfD praktizierte Übernahme des Merkelschen Antifa-Verfahrens ein, jeden Andersdenkenden als Nazi zu diffamieren und dem sozialen Tod zu übergeben. Ich erwähnte namentlich die laufenden Verfahren gegen kompetente, einflussreiche und hochengagierte Mitglieder der AfD in Schleswig-Holstein. Das war des Guten zu viel. Ich hatte zu laut und zu lange gesprochen. Das Mikrofon wurde abgeschaltet. Ich war inexistent geworden. Der Diskussionsleiter hatte aufgepasst und verstanden.

Auch den beiden Großpolitiker, die so auftraten und mit dem Publikum redeten, als hätten sie allein die Weisheit mit Löffeln gefressen, die Kollegen aber begriffsstutzig wären, blieb die Sprache weg. Davor hatten sie und danach haben sie jeden einzelnen Beitrag breit kommentiert- bei meiner Intervention gegen das innerparteiliche Nazi-Stigma taten sie es nicht.

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